| Eduardo
Galeano
Eine gemeinsame Hoffnung, dass die Regierung hört
Guten Abend, meine Lieben alle
zusammen. Zu Beginn möchte ich ein paar Dinge klarstellen. Ein
paar Zeitungen und Radiosender haben die Nachricht verbreitet, dass
ich heute Abend eine Demonstration gegen die Regierung anführen
würde. Weder führe ich eine Demonstration an - weil ich gar
nichts „anführe“, ich bin nicht auf die Welt gekommen,
um anzuführen –, noch ist die Demonstration eine Demonstration
gegen die Regierung. Ich möchte vielmehr sagen, dass diese Demonstration
von einer gemeinsamen Hoffnung genährt ist, der Hoffnung von uns
allen, dass die Regierung anderen Stimmen Gehör schenkt und nicht
nur den Stimmen, die sie nötigen, überstürzte Entscheidungen
bei Themen zu treffen, die grundlegend für unser Land sind.
Denn es gibt Entscheidungen, die in fünfzehn oder zwanzig Minuten
getroffen werden, deren Konsequenzen jedoch Jahrhunderte währen.
Und jetzt wird es wie eine ein- für allemal entschiedene Tatsache
gehandelt, dass die Regierung den Bau einer Zellulosefabrik in Fray
Bentos verabschiedet und genehmigt hat. Wir dagegen haben in einer Erklärung
gefordert, die wir einmal, zweimal, zwanzigmal wiederholt haben: Bevor
eine solche Entscheidung getroffen wird, die uns als schwerwiegend erscheint,
die zur Vergiftung des Flusses führen und den wenigen Mutterboden
zerstören kann, den wir noch besitzen – was kein Produkt
unserer Einbildung ist, sondern die traurige Lehre, die die existierenden
Zellulosefabriken in den Nachbarländern, vor allem in Chile und
Argentinien, hinterlassen haben – bevor also eine solche Entscheidung
getroffen wird, sollten diese Erfahrungen zur Kenntnis genommen und
genau überlegt werden, was getan werden soll.
Es sollten die unterschiedlichen Stimmen und Meinungen gehört werden,
denn unterschiedliche Stimmen und Meinungen gehören immerhin auch
zur Tradition der Frente. Die Frente Amplio, die „Breite Front“,
heißt so: „breit“, weil sie breit sein wollte, als
sie entstand; der Zusammenfluss vereinter Köpfe, geeinten Bewusstseins
unter gemeinsamen Fahnen, die jedoch aus unterschiedlichen Ecken kommen
und verschiedene Meinungen haben können. Jemand hat gesagt –
ich weiß nicht, ob es Artigas war, wahrscheinlich Artigas –
dass der Widerspruch der Beweis für die Freiheit ist. Doch ich
glaube, der Widerspruch ist außerdem auch der Beweis für
das Leben, denn das Leben ist widersprüchlich und wir dürfen
keine Angst davor haben.
Wir haben die Gewissheit, die auch aus der geschichtlichen Erfahrung
genährt wird, dass man kein gutes Ziel erreicht, wenn man Einheit
mit Einstimmigkeit verwechselt, weil es keine alleinige Wahrheit gibt,
sondern eine Summe von Wahrheiten, die aus dem Widerspruch der vielen
Wahrheiten entsteht, die in der Wahrheit enthalten sind. Deshalb haben
wir keine Angst vor dem Widerspruch, es macht uns überhaupt nichts
aus, dass man uns Verräter nennt, weil wir eine andere Meinung
haben.
Oder ist etwa wieder die Zeit der Heiligen Inquisition angebrochen und
man wird uns auf den Scheiterhaufen zerren, bloß weil wir denken,
dass einige der Maßnahmen der Regierung falsch oder überstürzt
sind? Nein, Compañeros, ich glaube, wir müssen das Recht
auf andere Meinung innerhalb der Einheit verteidigen, das ist die beste
Art und Weise, wie wir der Regierung regieren helfen können. Weshalb?
Weil diese Regierung nicht einfach vom Himmel gefallen ist und nicht
von einem Herrn gewählt wurde, der „Markt“ heißt
und der uns auf die Finger zu schauen scheint. Heute sagt man ja –
Freunde sagen das, Menschen, die ich liebe, compañeros, die ich
liebe –: Eduardo, du verstehst einfach nicht, der Markt braucht
das. Ich frage: Der Markt? Sie antworten: So nicht, weil der Markt das
nicht will. Und ich frage wieder: Dieser Herr Markt – ist der
Uruguayer? Hat er einen Personalausweis? Hat er gewählt? Ist er
gewählt worden? Wer hat den Herrn Markt gewählt? Die Frente
Amplio schuldet dem Herrn Markt keine Rechenschaft, doch schuldet sie
Rechenschaft dem Volk, das sie gewählt hat.
Ich glaube, wir – nicht nur die Frente, die Regierung, sondern
das ganze Land – leben in schwierigen Zeiten. Ganz ohne Zweifel
hat die Regierung ein verschuldetes Land geerbt, ein Land, das bis zum
Hals in Schulden steckt und dessen Spielraum eng geworden ist und immer
enger wird. Und deshalb leben wir in einem Klima, in dem es schwierig
ist, einige Dinge zu sagen, und ich verstehe das. Ich verstehe, dass
es Gruppen in der Bevölkerung gibt, wie es jetzt mit einigen Leuten
in Fray Bentos geschieht, die sich freuen, dass es Arbeit geben wird.
Denn unser Land ist ein ausgeplündertes Land, in dem die Arbeit
leider ein Privileg für wenige geworden ist.
In dieser Situation scheint die Verteidigung der Umwelt, des Landes,
des Wassers und auch der menschlichen Gesundheit eine Sache von Marsmenschen
zu sein. Denn wir leben in einem ähnlichen Klima wie dem des Films,
den einige der hier Anwesenden wahrscheinlich gesehen haben, „Bienvenido,
Mr Marshall“ (Herzlichen willkommen, Mr. Marshall), in dem ein
ganzes spanisches Dorf durchdreht, weil ein gewisser Mr Marshall kommt,
der Geld mitbringen soll, sprich: Investitionen, wovon jetzt auch dauernd,
Tag und Nacht, die Experten sprechen. Beim Stichwort Investitionen fällt
mir die Episode ein, die wir vor kurzem erlebt haben, als ein Gutteil
der Bevölkerung dieses Landes an Genickstarre erkrankte, weil sie
so lange zum Himmel hinaufstarrten und auf das Flugzeug warteten, das
die drei Milliarden Dollar bringen sollte, die ein US-amerikanischer
Botschafter versprochen hatte, einer, der sich gern in anderer Leute
Angelegenheiten einmischt und jetzt Druck auf das Parlament macht, dass
es ein Investitionsgesetz verabschieden soll mit einer Menge Klauseln,
die demütigend sind für unser Land.
Dieser Herr, der sich so gern einmischt, hat nicht begriffen, dass dieses
Land sich verändert hat, weil die Menschen für die Veränderung
gestimmt haben, und Dinge, die früher als normal galten, Demütigungen,
die früher traditionell hingenommen wurden in den Zeiten der Blanquirado-
oder der Coloranco-Regierung, sind zu schweren Beleidigungen der wieder
gewonnenen nationalen Würde geworden. Und ich glaube, es ist nicht
nur unser legitimes Recht, sondern auch unsere Pflicht, diese Regierung,
die viele von uns als unsere Regierung begreifen, daran zu erinnern,
dass die Würde ihre allererste Verpflichtung ist, und dass sich
jener politische Führer nicht irrte, der sagte: WIR VERKAUFEN DAS
REICHE ERBE DER URUGUAYER NICHT UM DEN SCHLEUDERPREIS DER NOT.
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